Als Jude unter Juden. Um darüber zu sprechen, würde ich gerne von Anfang an beginnen.


Jeschua kam nicht nur zu den Juden, Er kam zu Seinen Geschöpfen

BeReschit chaja HaDavar“ (Hebr.: Im Anfang war das Wort) – so beginnt das Evangelium von Jochanan (Johannes). Doch einige Verse weiter lesen wir die Aussage, welche oft falsch interpretiert wird: „Er kam in das Seinige, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh. 1:11). Da diese und andere ähnliche Stellen falsch verstanden werden, hat man uns als Volk vorgeworfen, dieses Übel Jeschua zugefügt und uns von Ihm abgewandt zu haben – von Dem, welcher kam, um unter uns zu wandeln. Im Verlauf der beiden letzten Jahrtausende haben wir mit dem Leben dafür bezahlen müssen. Leider ist diese Geschichte auch in unserer Zeit nicht vorbei, denn, wenn wir, die Juden, den Messias als eine Gabe des Allerhöchsten verworfen hätten, dann müssten wir infolge des entsprechenden Fluchs leiden und würden verdienen, was mit uns passiert. Jedoch ist das alles nicht so einfach. Also, im Anfang war das WORT. Zwei Verse weiter lesen wir, dass alles von IHM erschaffen wurde: “Alles ist durch IHN entstanden; und ohne IHN ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist.“ (Joh. 1:3). In diesem Zusammenhang können wir uns fragen, von wem hier die Rede ist, wenn wir lesen, dass Er zu den Seinen kam? Wenn es um Seine Schöpfung geht, dann geht es hier um die ganze Welt, denn Er erschuf alles und alle. Mit anderen Worten geht es nicht darum, dass wir uns als Volk von Ihm abgewandt hätten. Doch das ist noch nicht alles. Es gibt noch einen Grund, welcher diese Idee bestätigt. Und das steht in den Evangelien.


Die Reaktion der Juden des 1. Jahrhunderts u.Z. auf Jeschua und Seine Lehre

Markus berichtet: „… Und die große Volksmenge hörte Ihm mit Freude zu.“ (Markus 12:37). Jeschua hält sich in Israel unter Seinem Volk auf – unter Juden. Juden also hören Ihm mit Freuden zu. Das Volk verehrte Ihn so sehr, dass, als die Hohenpriester und ihre Mitarbeiter Jeschua loswerden wollten, sie wegen des Volkes Angst hatten, dies zu tun: „Und sie hielten miteinander Rat, wie sie Jeschua mit List ergreifen und töten könnten. Sie sprachen aber: Nicht während des Passahfestes, damit kein Aufruhr unter dem Volk entsteht!“  (Matth. 26:5,6). Anders gesagt, die Massen der Juden folgten Jeschua nach und liebten Ihn. Jochanan beschreibt Jeschua mit den Worten der Anwesenden: „Viele aber aus der Volksmenge glaubten an Ihn und sprachen: Wenn der Messias kommt, wird Er wohl mehr Zeichen tun als die, welche Dieser getan hat?“ (Joh. 7:31). Viele Juden glaubten an Ihn! Einige Kapitel später schreibt der gleiche Jochanan: „Die Peruschim (= Pharisäer) sagten zueinander: Seht, ihr richtet nichts aus! Die ganze Welt (im Griech.: ‚der Kosmos‘!) läuft Ihm nach!“ (Jochanan 12:19). Die religiösen Anführer, die etwas gegen Jeschua unternehmen wollten, beschuldigten Ihn, dass „alle Welt“ auf Seine Lehren hört. Unter dem Ausdruck „die ganze Welt“ verstehen sie die große Masse der Juden, die Jeschua nachfolgten. Etwas vorher, im 6. Kapitel, schrieb Jochanan: „Da nun Jeschua erkannte, dass sie kommen würden, um Ihn mit Gewalt zum König zu machen, zog Er sich wiederum auf den Berg zurück, Er allein.“ (Jochanan 6:15). Die Juden wollten Ihn zu ihrem König machen. Sie wollten Ihn zum König salben, auf dass Er ihr Gesalbter würde, ihr Messias.


Jeschua – der anerkannte Messias Israels

Woher wissen wir, dass alles, worüber wir jetzt miteinander sprechen, wahr ist? Lassen Sie uns eine Zeitreise zu dem Ereignis unternehmen, welches bei den Christen „Palmsonntag“ heißt. Die Situation, welche diesem Ereignis vorausgeht, sieht folgendermaßen aus: Einige Tage vor Pessach kommt Jeschua auf einem Esel vom Ölberg herab, nähert sich Jerusalem durch das Kidrontal und reitet in die Stadt durch das Osttor. Zu dieser Zeit befinden sich in Jerusalem viele religiöse Juden, die hergekommen sind, um Pessach zu feiern. Als sie Jeschua sehen, begrüßen sie Ihn: „Aber die meisten aus der Menge breiteten ihre Gewänder auf dem Weg aus; andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Und die Volksmenge, die vorausging, und die, welche nachfolgten, riefen und sprachen: ‚Hoschiah na‘ (Hebr.: ‚Der HERR helfe doch!‘) dem Sohn Davids! Gesegnet/gepriesen sei, der da kommt im Namen des HERRN! ‚Hoschiah na‘ in den Himmeln!“ (Matth. 21:8-9). Wenn zur damaligen Zeit eine Gruppe von Menschen irgendeinen wichtigen Gast begrüßen wollte, dann schnitten sie Palmwedel ab und legten sie auf den Weg. Das heißt, als die religiösen Juden den herankommenden Jeschua sahen und sie Palmwedel abschnitten und auf den Weg vor Jeschua hinlegten, begrüßten sie Ihn als ihren König. Achten Sie darauf, was sie dabei sagen. Das erste Wort, das wir lesen: „Hoschiah na“. Einige meinen, dass sie mit diesem Wort Jeschua Ehre erwiesen hätten. Jedoch klingt dies Wort auf Hebräisch „Hoschiah na“ („Rette uns doch!“). Sie priesen Ihn nicht, sondern flehten Ihn an! Während der Sukkot-Feiertage gibt es den „Großen Sukkot-Tag“ („Hoschana raba“, auf Hebr. = „Großes Hoschana“). An diesem Tag werden besondere Gebete gesprochen, die sogenannten Hoschana-Gebete. Diese Gebete sind an den gerichtet, welcher mit dem messianischen Titel „Spross Davids“ bezeichnet wird. Beachten Sie, dass sich gerade mit diesen Gebeten das Volk an Jeschua wendet. Jedoch statt „Spross Davids“ nennen sie Ihn „Sohn Davids“, weil „Sohn Davids“ der damals am weitesten verbreiteten Titel des Messias war. Das heißt, sie nennen Ihn faktisch „Messias“. Danach rufen sie aus: „Gesegnet/gepriesen sei der Kommende im Namen des HERRN!“ Die alten Rabbiner lehrten, dass, wenn man die Gelegenheit hat, persönlich den Messias zu begrüßen, wenn Er kommt, man dann sagen soll: „Baruch HaBa BeSchem Adonai (Gesegnet/gepriesen sei der Kommende im Namen des HERRN)“. Das Volk begrüßt Jeschua so, wie uns unsere Rabbiner gelehrt haben, den Messias zu begrüßen! Also zeigt uns Matitjahu (=Matthäus) in diesem Abschnitt vier wichtige Momente, mit welchen die Juden Jeschua begrüßten:

1) Palmwedel, die die Huldigung für einen großen König bedeuten;

2) Das Proklamieren messianischer Gebete;

3) Sie nennen Jeschua Messias und Sohn Davids;

4) Sie begrüßen Ihn als Messias, gemäß der Lehre der Rabbiner.

All dies zeigt deutlich, dass das jüdische Volk Jeschua nicht ablehnte, sondern als Messias annahm. Das ist das, was wir in den Evangelien lesen, unabhängig davon, wie irrtümlich man sie manchmal versteht.


Wer waren die, welche die Hinrichtung Jeschuas verlangten?

Jedoch sofort nach diesen Ereignissen geschieht etwas, infolgedessen Jeschua hingerichtet werden wird. Doch bevor wir dieses Thema berühren, wollen wir noch eine Sache betrachten. Lukas beschreibt ein Ereignis, als man Jeschua aus Jerusalem zur Hinrichtung führte: „Es folgte Ihm aber eine große Menge des Volkes und dazu Frauen, die Ihn auch beklagten und betrauerten.“ (Lukas 23:27). Warum weinen sie? Weil sie ihren Messias zur Hinrichtung führen. Gewöhnlich stellen einige die Frage: Was passierte mit dem Volk, das Jeschua als Messias begrüßt hatte? Lukas teilt uns mit, dass das jüdische Volk weinte, als man Ihn zur Hinrichtung führte.

Was geschah denn kurz zuvor? Der Hohepriester und seine Mitarbeiter schickten Soldaten aus, um Jeschua zu verhaften. Sie bringen Jeschua in den Hof des römischen Statthalters, des Prokurators Pontius Pilatus, wo sich Leute aufhielten, die schreien: „Kreuzige ihn!“ Wenn Sie schon mal in Jerusalem waren und den Hof des Pilatus gesehen haben, dann haben Sie natürlich bemerkt, dass in diesen Hof nicht mehr als hundert Menschen passen. Wie viele jüdische Pilger, die zum Pessach-Fest gekommen waren, hielten sich zu der Zeit in Jerusalem auf? Man weiß, dass jedes Jahr zu diesem Fest ungefähr 200.000 Menschen zusammen kamen. In dieser Zeit lebten in Israel etwa 2,5 Millionen Einwohner. Also schrien 100 von 2,7 Millionen Menschen „Kreuzige ihn!“. Im ganzen römischen Reich lebten zu dieser Zeit ungefähr 8 Millionen Juden. Das heißt, 100 von 8 Millionen Juden verlangten von Pilatus, dass er Jeschua hinrichten lässt. Wer waren denn diese 100 Personen, die vor Pilatus standen? Wir wissen, dass der Tag, an welchem Jeschua vor Pilatus geführt wurde, der Vorbereitungstag vor Pessach war. Gemäß der jüdischen Tradition verbringen die Juden diesen Tag zu Hause und bereiten sich auf den großen Feiertag vor. Wer von ihnen hat denn wohl seine Vorbereitungen stehen und liegen gelassen und ist am frühen Morgen in den Hof zum römischen Statthalter geeilt, um den Tod Jeschuas zu verlangen? Das waren eindeutig Leute, die speziell für diese Aufgabe ausgewählt und auf Anordnung des Hohenpriesters und seiner Mitarbeiter gekommen waren.

Es gibt noch ein Detail, das die außer Acht lassen, die meinen, dass die Juden ihren Messias nicht erkannten und ihn kreuzigten. Wenn man die Kapitel 18 - 20 des Evangeliums von Jochanan liest, bemerkt man, dass gerade der Hohepriester und seine Leute die Hinrichtung Jeschuas verlangten. Und – erfüllte Pilatus etwa ihre Bitte? Nein, er tat das, was er selber machen wollte. Pontius Pilatus, der uns aus der Geschichte bekannt ist, war eine außergewöhnlich negative Persönlichkeit. Er hasste die Juden und fand Vergnügen darin, ihnen Böses zuzufügen. Und auch jetzt war er bereit, alles zu tun, um sie zu erbittern. Letztendlich haben die römischen Behörden ihn aus Judäa entfernt. Die Juden hätten diesen Pilatus gar nicht dazu bewegen können, ihrem Willen zu entsprechen. Lukas gibt uns die Worte Jeschuas an Seine Jünger unmittelbar vor Seiner Hinrichtung wieder: „Dann nahm Jeschua die Zwölf und sagte zu ihnen: ‚Wir gehen jetzt hinauf nach Jeruschalajim, wo alles, was durch die Propheten über den Sohn des Menschen aufgeschrieben ist, wahr werden wird. Denn Er wird an die Gojim ausgeliefert und verspottet, geschmäht und bespuckt werden. Dann, nachdem sie Ihn geschlagen haben, werden sie Ihn töten. Doch am dritten Tag wird Er auferstehen.‘“ (Lukas 18:31-33; Übers. D.Stern). Wer wird Jeschua nach Seinen Worten also töten? Die Heiden (= Gojim hebr.), auf keinen Fall die Juden.


Die Ereignisse nach der Auferstehung Jeschuas

Und was geschah nach dem Tod und der Auferstehung Jeschuas beim Schawuoth-Fest? Sein Schüler Schimon predigte einer Riesenmenge von Menschen über die Auferstehung von den Toten, was beweist, dass Jeschua wirklich der versprochene Messias Israels und der Herr der ganzen Welt war. Lukas überliefert uns (Apostelgeschichte 2:41), dass dreitausend Juden, die zum Fest gekommen waren, daran glaubten. Jedoch ist das eine ungenaue Zahl. Nach der damaligen Tradition wurden Frauen und Kinder nicht mitgezählt. Wir können deshalb annehmen, dass dort ebenso viele Frauen und womöglich mindestens doppelt so viele Kinder waren. Mit anderen Worten geht es dort wahrscheinlich um 12.000 Menschen, die die Predigt Schimons gehört und an Jeschua geglaubt haben. Das sind viele Menschen. Doch zwei Kapitel weiter lesen wir noch einmal von 2000 Männern (Apg. 4:4), was nach unseren Berechnungen 8000 jüdische Männer, Frauen und Kinder ergibt. Dann kommen wir zum 21. Kapitel und werden Zeugen eines Dialogs zwischen dem Rabbiner Schaul (Paulus) und dem Leiter der Jerusalemer messianischen Gemeinde, dem leiblichen Bruder Jeschuas, Ja-akov (Jakob), der gemeinsam mit den anderen Gemeindegliedern mitteilt: „Als sie Schaul angehört hatten, priesen sie Gott und sagten zu ihm: „Du siehst, Bruder, wie viele Tausende von Gläubigen es unter den Judäern gibt, und sie alle sind Eiferer für die Thorah („Gesetz“).“ (Apg. 21:20). Wie Lukas diese Worte formuliert, das bringt uns auf den Gedanken, dass in Jerusalem 30.000 messianische Juden lebten, die an den Messias Jeschua glaubten. Zu dieser Zeit bestand die Bevölkerung Jerusalems aus 70.000 Einwohnern. Die messianischen Juden machten also fast die Hälfte der Bevölkerung Jerusalems aus. Das entspricht ganz dem, was wir schon in den Evangelien gelesen haben. Wenn die Juden mit Freuden Jeschua vor Seinem Tode nachfolgten, dann ist es ganz logisch, dass sie jetzt nach Seiner Auferstehung von den Toten an Ihn als ihren Messias glaubten und dass sie sich der Gemeinde der Jeschua-Nachfolger anschlossen. Einige Zeit nach diesen Ereignissen lesen wir in einem Brief Neandors, der der Vater der Kirchengeschichte genannt wird, dass gegen Ende des ersten Jahrhunderts in Israel, dessen Bevölkerung 2,5 Millionen Einwohner betrug, ungefähr eine Million messianische Juden lebten. Wir waren also einmal sehr viele.


Bekannte Persönlichkeiten unter den messianischen Juden des 1. Jahrhunderts

Unter den Jeschua-Nachfolgern waren auch Leiter des israelischen Volkes. Darüber lesen wir auch in den Evangelien: „Doch glaubten sogar von den Obersten viele an Ihn…“ (Joh. 12:42). Es versteht sich von selbst, dass nach Seiner Auferstehung von den Toten es noch bedeutend mehr wurden. „So breitete sich das Wort Gottes weiter aus. Die Zahl der Talmidim (=Schüler) in Jeruschalajim nahm rasch zu, und eine große Menge von Kohanim (= Priestern) wurde dem Glauben gehorsam.“ (Apg. 6:7; Übers. D.Stern). Zwei von diesen Leitern spielten eine wichtige Rolle in der jüdischen Geschichte. Einer von ihnen hieß Menachem (Apg. 13:1). Eben dieser Menachem wird im Talmud erwähnt, wo er als einer beschrieben wird, der ein Jeschua-Nachfolger wurde. Er war der zweite Mann im Synedrium nach Hillel, dem einflussreichsten Rabbiner jener Zeit. Der andere ist der Adressat der Schreiben des Lukas (Evangelium und Apostelgeschichte) mit dem Namen Theophilus (Apg. 1:1), für welchen der Autor die Anrede „kratistos“ (griechisch: „trefflichster, hochgeehrter“) benutzt. Dieser Mann war Hoherpriester in den Jahren 37 - 41 u.Z. Der Glaube an Jeschua erreichte also auch die Elite Israels. Gewöhnlich wird dieser biblische Gesichtspunkt verschwiegen. Doch gerade dies wird von den Verfassern der Evangelien besonders hervorgehoben, die Augenzeugen dieser Ereignisse waren. Viele Menschen verstehen diese Geschichte absolut falsch, weil sie gelehrt wurden, dass wir Juden zunächst unseren Messias verworfen und Ihn dann getötet hätten. Diese Lüge wurde das Motiv für die Massenverfolgung und die Ermordung des jüdischen Volkes. Jetzt ist diese Geschichte uns anvertraut, damit wir sie richtig erzählen!


Haben die Juden Jeschua wirklich gekreuzigt?

Dr. John Fischer


Vor kurzem hat die christliche Welt verschiedene Feiertage begangen. Diese Feiertage beziehen sich auf die Zeit, als Gott in der Gestalt Jeschuas des Messias unter seinem Volke wandelte. Es geht um Seinen Tod und Seine Auferstehung von den Toten. Haben sich jedoch die Christen, als sie diese Begebenheiten feierten, darüber Rechenschaft abgelegt, was sie da wirklich feiern? Denn wir sprechen über Ereignisse, als Gott unter seinem Volke wandelte. Er wandelte unter unserem Volk.




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